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Ates Land – Dörte Hansen

Altes LandJetzt fühle ich mich gerade wieder sehr versöhnt mit dem Lesegott – in den letzten Wochen waren wirkliche Juwelen dabei: nun also ‚Altes Land‘.

Inhaltlich geht es um das nicht so ganz freiwillige Zusammenleben zweier Frauen, und den Veränderungen, die dies für die beiden und auch ihre Umwelt mit sich bringt.
Vera, die ältere ist als 5jährige mit der Mutter aus Ostpreussen zur fremden Familie ihres Vaters geflohen, bei der sie die Mutter auch zurücklässt. Dort wächst sie auf, als geduldeter Fremdkörper, wird nie so richtig heimisch, bleibt aber auch als Erwachsene in diesem Haus, das ihr doch nie ein richtiges zu Hause wird.
Anne, Veras Nichte, wählt das alte Bauernhaus ihrer Tante als Zufluchtsort für sich und ihren kleinen Sohn, als ihr Mann sich von ihr trennt, sie kommt und bleibt auch nicht wirklich freiwillig.
Obwohl Vera selbst nie ‚offene Arme‘ erlebt hat, erkennt sie in Anne wohl die gleiche Verzweiflung und Einsamkeit eines Flüchtlingskindes und so lässt sie Anne und das Kind bleiben.

Die Schilderungen der heilen Welt der Vorzeige Familien und Vorort-Mütter aus Hamburg-Ottensen, vor denen Anne auch flieht, sind beißend genau, auch der Blick auf die alteingesessenen Bauern oder die weltverbessernden zivilisationsmüden ‚Aussteiger‘, die sich im Alten Land niederlassen, ist schlicht schonungslos.

Ich habe die unprätentiöse Sprache, diesen genauen Blick und den trockenen Ton sehr genossen, sprachlich war es für mich das genaueste und treffendste Buch des Jahres 2015 (bis jetzt ;-)),

  • ein Tisch wie ein Familienalbum, eine Ahnung von Zuhause
  • Ein Drama aus Fertigteilen, dachte Anne, größer haben wir es nicht.
  • Aber sie war so schlecht im Bleiben. Einmal geflohen und nie wieder angekommen.
  • Auf ihren Heckscheiben prangten blaue und rosafarbene Aufkleber: Lasse & Lena an bord oder Vivienne & Ben & Paul on Tour – wie TÜV-Plaketten einer funktionierenden Familienplanung
  • Anne hörte sie poltern und musste an ihre Mutter denken, die es genauso machte: das Gesicht verriegeln, kein Wort sagen, lieber die Dinge schreien lassen.
  • Ein Himmel, wie eine Grabplatte, von November bis März kaum ein blauer Tag

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