Skip to content

Euphoria – Lily King

Also buchtechnisch ist 2016 für mich ein ziemlich zähes Jahr, auf ein gutes und fesselndes Buch kommen zur Zeit mindestens 8-10 langweilige und ‚abgebrochene‘ Bücher (Bücher nicht zu Ende zu lesen musste ich erst lernen – unter anderem aus Respekt vor der Arbeit des Autors hab ich mich eigentlich immer gezwungen, ein Buch – auch wenn es mich gar nicht gepackt hat – zu Ende zu lesen – aber ich bin mittlerweile richtig gut darin geworden, das einfach sein zu lassen, wenn es mir nicht gefällt 😉 ).

Ein sehr großer Lichtblick war ‚Euphoria‘ von Lily King, ein Buch über die Arbeit dreier Anthroposophen in den Sumpfgebieten Neuguineas in den 30 Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die weibliche Hauptperson, Nell Stone trägt Züge der Anthroposophin Margaret Mead, wie wohl auch Schauplätze und Begegnungen an deren Leben angelehnt sind. Lily King erzählt aber eine ganz eigene und unabhängige Geschichte.
Nell und ihr Mann Shuyler Fenwick, genannt Fen, verlassen in der Eröffnungsszene den Stamm der Mumbanyo in einem Einbaum und fahren nach Angoram , um von dort in die USA zurückzukehren.
Der Abschied ist kein freundlicher, Gewalt liegt in der Luft, Nell wirkt verwundet, geschlagen, vom Fieber gebeutelt, und schon in dieser Szene wird die Kluft deutlich, die sich zwischen ihr und Fen aufgetan hat.

In Angoram angekommen trifft das Paar auf den Engländer Andrew Bankson, der ebenfalls Anthroposoph ist und das letzte Jahr allein bei einem Kriegerstamm verbracht hat. Dieser sieht in den beiden eine willkommene Erlösung aus seiner Einsamkeit und erzählt ihnen von einem bisher unerforschten Stamm, den Tam,  bei denen die Gesellschaft angeblich mehr von den Frauen getragen wird. Nells Interesse ist sofort geweckt, trotz Fieber und Erschöpfung sind ihre Lebensgeister wieder geweckt und schon am nächsten Morgen brechen die Forscher auf.

In den wenigen Stunden, die Andrew mit Nell verbringt, wird deutlich, wie nahe sich die beiden sein könnten, wie gut sie sich ergänzen könnten und wie anders Andrews Blick auf die quirlige, pragmatische und begeisterungsfähige Nell ist. Aber auch die Gespräche mit Fen bereichern den einsamen Briten und nach wenigen Wochen bricht er zu einem Besuch in das Dorf der Tam auf.

Wie schon die erste Begegnung erahnen lässt, entwickelt sich eine komplizierte Beziehung zwischen den dreien, Andrew und Nell nähern sich aneinander an während Fen sich immer weiter von einer wissenschaftlichen Beobachtung der Tam entfernt, sich eher den Männern des Stammes anschließt und sich schließlich – auch getrieben von seiner Eifersucht auf Nells erfolgreiche Veröffentlichungen und die daraus resultierenden Anerkennung – mit einem Stammesmitglied auf den Weg macht, ein Heiligtum der Stämme zu finden und zu stehlen.

Also alles drin, was man so braucht, eine fremde Umgebung, interessante Hauptfiguren, Drama, Liebe und Abenteuer 😉 .
Die Figuren wuchsen mir sehr schnell ans Herz, besonders gelungen fand ich den Wechsel der Erzählperspektive nach dem ersten Kapitel, bis dahin gibt es einen eher objektiven Erzähler, ab dann erzählt Andrew – damit gewinnt die Geschichte noch einmal.
Gelungen finde ich auch den Ton Lily Kings, sehr unaufgeregt und lakonisch, manchmal bliebe ich regelrecht an einem Satz hängen, dessen Inhalt so gar nicht zu seiner Beiläufigkeit passen wollte.

Definitiv eine Leseempfehlung – und danach hat man richtig Lust, sich mit Margaret Meads Forschungen zu beschäftigen!

Be First to Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.